Suizid – Täter und Mittäter – ein Appell an alle – Herzenssache





Ich möchte auf den Umgang untereinander aufmerksam machen. Auf die Art und Weise wie Menschen – Erwachsene und Kinder oder auch Teenager – heutzutage miteinander kommunizieren.

Denn, wie wir alle am 24.01.2022 in Heidelberg mitbekommen haben, kann Kommunikation gewaltig schief laufen. Sei es fehlerhaftes Kommunizieren oder gar nicht kommunizieren, fehlendes Verständnis oder mangelnde Bereitschaft zuzuhören – all das kann leider weitreichende Konsequenzen haben. Bis jemand über eine Waffe in der Hand kommuniziert, weil er sich nicht anders auszudrücken bzw. zu helfen weiß.


Nicht nur Eltern, Erzieher, Lehrer bzw. Pädagogen, sondern jeder Mensch, dem ich auf der Straße begegne, lebt vor – und Kinder ahmen nach. Da hat sich in der menschlichen Entwicklung nichts geändert. Das ist immer noch Fakt – und eine super Sache, wenn es sich um positive Lernerfahrungen handelt, aber nicht, wenn man als Erwachsener und erzogener Mensch Verhaltensweisen, Gestik und Mimik weitergibt, die alles andere als förderlich für ein harmonisches und gesundes Miteinander sind. Und dazu gehört in meinen Augen vor allem auch die Benutzung von Schimpfwörtern und Beleidigungen. Im Speziellen die Benutzung von Wörtern, die die Betitelung anderer mit Krankheitszuständen zum Inhalt haben.


Ich fahre regelmäßig mit öffentlichen Verkehrsmitteln und höre nicht gerade selten wie Menschen –Erwachsene genauso wie Kinder und Teenager – andere Personen als Borderliner, Narzissten, Depressive, Schizophrene, behindert oder schlichtweg als dumm bezeichnen. Diejenigen, die betiteln und damit vorsätzlich provozieren, beleidigen oder verletzen wollen, finden das nicht schlimm, oh nein, das ist natürlich lustig und macht Spaß. Man kann das sogar auf sich selbst anwenden aber natürlich nur aus der Opferrolle heraus: Wenn es einen selbst betrifft, dann wird man meist „gemobbt“, denn das wird heutzutage scheinbar auch fast jeder. Das kann man schon mal lauthals der Welt kundtun – ob das der Wahrheit entspricht, ist natürlich völlig nebensächlich.


Ich sehe niemandem an der Physiognomie an, ob er sich in der Diagnostik von psychischen oder physischen Krankheiten auskennt, aber ich wage zu bezweifeln, dass ein Teenager und auch die meisten Erwachsenen, die solche Worte unbedacht als Schimpfwörter verwenden, überhaupt eine Ahnung haben, wovon sie da sprechen. Und ganz ehrlich: Mich macht so etwas wütend.


Es gibt nämlich Menschen, die tatsächlich an einem der oben genannten Krankheitsbilder leiden und es hilft ihnen sicher nicht, dass ihr Leid auf diese Weise ins Lächerliche gezogen und sogar verharmlost wird. Und es hilft auch demjenigen nicht, der damit betitelt wird und nicht im Geringsten etwas damit zu tun hat. Im Gegenteil: Jeder, der zu Unrecht mit einem Schimpfwort belegt wird, wird sich, nach innen oder außen, wehren. Und derjenige, dem das unangenehm ist (vor allem einem kleinen Kind) wird Angst vor den Konsequenzen haben. Er wird immer hoffen, dass er nie so wird, wie andere behaupten: krank – auf welche Art auch immer, denn das kommt ja schließlich nicht gut an.


Klar ist es demnach für Menschen ein Problem, offen zuzugeben, wenn sie tatsächlich krank sind. Vor allem psychisch krank. Denn das darf man ja nun wirklich nicht. Da ist man natürlich selbst dran schuld. Ich meine, das hätte man sich doch sicherlich auch anders aussuchen können, als es um die Genverteilung ging und die Frage, in welchem Umfeld man aufwächst, unter welchen (sozialen) Bedingungen man lebt etc. – Ich hoffe die Ironie meiner Worte ist hier für alle verständlich!


Da wundert sich doch keiner mehr, warum unter solchen Bedingungen manch einer schweigt anstatt auszusprechen, was ihn bedrückt und sich – Gott bewahre! – auch auf gar keinen Fall Hilfe sucht, sondern sich (und vielleicht andere) lieber wortlos in den Tod stürzt. Denn der verbreitete Gedanke scheint zu sein: Wozu? Wenn ich doch nur verurteilt und komisch angeguckt worden wäre, wenn ich zugegeben hätte, dass es mir nicht gut geht, ich vielleicht krank bin, depressive Gedanken habe, mich selbst verletze und sogar über den eigenen Tod nachsinne? Da lieber einfach machen, danach muss man sich ja dann auch keine gemeinen Kommentare und Beleidigungen mehr anhören. Interessiert ja nicht mehr. Es soll nur bitte, bitte endlich aufhören! An die Konsequenzen für andere wird da auch nicht mehr groß gedacht, denn dazu ist man zu sehr gedanklich mit sich und seinem Leid beschäftigt. Keine böse Absicht, ist halt einfach so.

Dieser Gedankengang ist meiner Ansicht nach nicht selten zu finden und im Grunde auch völlig verständlich. Nur darauf, dass es für die eigenen Gefühle und Probleme auch andere Auswege gibt, kam man eben nicht rechtzeitig, denn es hat sich wahrscheinlich nicht so angefühlt. Anstatt sich eine Lösung und Hilfe für schwierige Lebenslagen zu suchen, wurde angenommen, die Lösung sei das Ende des eigenen Lebens (und das eher beiläufige Zerstören vieler anderer Leben, die es betrifft). Hilfe von anderen anzunehmen hätte verlangt darüber zu sprechen, ehrlich und offen zu sein und das bedarf in der heutigen Zeit, in dieser (oben beschriebenen) Gesellschaft, leider Mut. Und die Energie für Mut und Handlungsweisen in dieser Richtung, haben manche einfach nicht mehr. Auch das ist nachvollziehbar.


Wir suchen uns unser Leben eben nicht aus, bevor wir zur Welt kommen. Wir können im Laufe der Zeit nur das Beste aus den Bedingungen machen, unter denen wir aufwachsen und leben.


Und es würde einem wesentlich leichter gemacht, wenn man im Allgemeinen auf Verständnis, statt Vorurteile, Bewertungen und Schuldzuweisungen treffen würde. Das Leben wäre für alle deutlich angenehmer und lebenswerter, wenn man sich mit Problemen nicht allein fühlen müsste und wenn es mehr gegenseitigen Zuspruch und aufmunternde Worte gäbe.


Vielleicht veranlassen diese Zeilen ja den ein oder anderen dazu, sich zu reflektieren und künftig darauf zu achten, wie man selbst mit anderen kommuniziert und umgeht und ob man selbst auch so behandelt werden möchte. Denn daran sollte man sich eventuell besser orientieren: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem Andern zu.“ Diesen Spruch kennt fast jedes Kind, aber seine Bedeutung scheint selbst manchem Erwachsenen nicht klar zu sein.

Daher mein Appell: Reflektiert bitte euer eigenes Verhalten und achtet auf das eurer Kinder (sofern ihr welche habt) und orientiert euch neu an diesem Satz. Das wäre für euch selbst und alle das Beste. Also übt wann immer ihr könnt – Gelegenheiten gibt es sicherlich genügend.

Ich tue das auch.


"Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal!“

(Charles Reade)